Fullmoon-Party auf Koh Phangan

Mondsüchtig

Seit rund drei Jahrzehnten feiern bis zu 10000 Partypeople auf der thailändischen Insel Koh Phangan ein Mal im Monat Fullmoon-Party. Reporter Rolf Henniges hat einen Fan auf seinem 21. Trip dorthin begleitet.

Es ist eine Sucht“, sagt Hans, und seine Augen bekommen einen 1000-Meilen-Blick. Schweifen hinaus in die Ferne, durchdringen die schlierigen Fenster des Zuges, mit dem er die Strecke von Bangkok nach Surrathani im Süden Thailands zurücklegt. 750 Kilometer für zwölf Euro, 13 Stunden harren bei zehn oder zwölf Dosen Bier. „Wer diese Party ein Mal im Leben feiert, wird sie nie vergessen. Die wogende Menschenmasse morgens bei Sonnenaufgang ist reine Energie – davon zehrt man das ganze Leben. Die Fullmoon-Party wird zum Maßstab, an dem man anschließend jegliche Dance-Events misst…“

Hans, 52, wohnt in Köln, ist 1,90 Meter groß und wiegt 76 Kilogramm. Im Februar 2002 war er das letzte Mal im Fullmoon-Rausch. Seine grauen Haare trägt er lang, streng zum Pferdeschwanz gebunden. Wenn alles gut geht, wird der Kitsch- und Kunsthändler in sechs Stunden seine Tochter Sophie auf Koh Phangan wiedersehen. Am Strand von Hat Rin. Eingekeilt zwischen Tausenden Menschen, Freaks aus der ganzen Welt. „Wir treffen uns in der Mitte. An der Stelle, wo sie den härtesten Goa spielen“, hat er Sophie noch vor zwei Tagen am Telefon eingeschärft. Seine 23-jährige Tochter ist seit Monaten auf Asienreise. Derzeit weilt sie auf Phangan, der drittgrößten Insel Thailands, die zu 60 Prozent von Bergen und tropischem Wald bedeckt ist. Sie liegt im Golf von Siam und erwacht jeweils zu Vollmond an einem Abend aus dem Dornröschenschlaf – wird zum Mekka der Dance-Poeple.

Es ist ein langer Weg bis zum Wiedersehen. Drei Stunden Zugfahrt in Deutschland, 15 Stunden Flug, Zwischenstopp in Dubai. Und wenn der Zug aus Bangkok Surrathani endlich erreicht hat, geht es mit dem Bus zur Fähre, mit der Fähre nach Koh Samui und von dort mit dem Boot weiter nach Phangan. Die Insel selbst hat keinen Flughafen. Wer nur schnell zur Party will, landet am besten auf der Nachbarinsel Samui und nimmt dort ein Hotel. Zimmer sind auf Phangan um die Vollmondzeit – falls überhaupt vorhanden – kaum bezahlbar.

Hans ist Fullmoon-Experte, dies hier wird sein 21. Besuch. Er hat sich zu New Age und Techno in den Achtzigern inmitten vieler Israelis am Strand gewälzt, und ist in den Neunzigern, zu der Zeit von Rave, Trance und Goa gleich mehrmals im Jahr angereist. „Jeder fünfte Partygänger kam damals aus Israel“, sagt Hans. „Den Militärdienst überlebt, 2000 Dollar Abfindung in der Tasche, die Jungs wollten nur eins: feiern bis zum Exitus. Unter jeder Palme gab es Acid, Speed und LSD. Damit durchzucken selbst Untrainierte die ganze Nacht…Unter jeder zweiten Palme stand eine Nutte. Wie viel, wo und unter welchen Bedingungen Sex nachts am Strand stattfand, wird niemand glauben, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat.“

Vor zehn Jahren glich der Transfer von Samui nach Phangan einem Abenteuer. Das Slowboot, eine Passagierfähre, die maximal 300 Menschen aufnehmen konnte, fuhr täglich zweimal. Um die zigtausend Besucher zur Partyinsel zu bringen, starteten Speedboote an fünf Stellen Samuis. Dabei gab es allerdings einige Probleme, denn nichts ist für Thailänder schlimmer, als das Gesicht zu verlieren. Cool muss man wirken. Cool muss man agieren. Vor allem als Fahrer eines Speedboots. „Die Überfahrten waren nüchtern oder ohne Drogen kaum ertragbar“, sagt Hans. „Bis zu 100 Menschen drängten sich aufs Boot, das für maximal 36 zugelassen ist. Anstelle von Rettungswesten gab es zwei Kühlboxen mit Bier. Unter tief hängenden Wolken war die Nacht oft schwärzer als ein Negerarsch und jeder trug Sonnenbrille. Jeder, auch der Fahrer.“

Der stand völlig high am Steuer, gab Vollgas, und 600 PS drückten den Kunststoffpfeil mit bis zu 120 km/h übers Meer. Direkt vor ihm, außen ans Fenster gelehnt, hockte der Beifahrer, dicke Sonnenbrille, Zigarette im Mundwinkel, und tat so, als würde er etwas erkennen… Doch in Vollmondnächten beißen die Fische besonders gut, das Meer wimmelt von Fischerbooten. Ihre roten Positionslichter sind funzelig und mickrig. Der letzte tragische Unfall, bei dem ein Speedboat ein Fischerboot zerfetzte, ereignete sich 2004: 32 Touristen wurden schwer verletzt, acht waren auf der Stelle tot. Einer großen deutschen Tageszeitung war die Tragödie sechs Zeilen wert. Und wie immer war die Thailändische Regierung darum bemüht, negative Schlagzeilen zu vermeiden. Wie immer waren die Bemühungen erfolgreich.

Seit dem Crash hat sich tatsächlich etwas verändert. Am Abend des 10. März zählt ein Mitarbeiter der Bootsgesellschaft peinlich genau ab: 36 Passagiere dürfen aufs Boot, 36 Rettungswesten sind vorhanden, jeder muss sofort eine überstreifen. Und noch etwas ist anders: Die Boote kommen bis zum Strand, an einigen Stellen gibt es sogar Anlegestellen. Vor ein paar Jahren war man gleich zu Beginn klitschnass, denn die Speedboote ankerten viel zu weit draußen. Nässe ist allerdings kein Problem – knapp die Hälfte aller Besucher trägt als Partyoutfit nichts weiter als Bikini, Badehose und Hautmalfarbe. Hans entscheidet sich für das Slowboot. Nachteil: Während die Speedboote die ganze Nacht hindurch zwischen Samui und Phangan pendeln und die Partymüden wieder mit zurücknehmen, fährt das nächste Slowboot erst tags darauf gegen halb Zehn.

Es ist eine sonnendurchtränkte Überfahrt mit leichtem Seegang. Das Durchschnittsalter der Passagiere ist Anfang 20. Kahl geschorene Männer mit bunten Hüten, wilden Bärten und tätowierten Muskelsträngen. Aufreizend spärlich gekleidete Frauen mit ansteckendem Lächeln und großen Erwartungen. Vorfreude und Alkoholkonsum verdichten sich zu einer ausgelassenen Stimmung. Das 40 Meter lange Boot wird zum Spielball der Wellenkämme. Rechts hängen zwei Japaner über der Reling und spucken. Links beschreibt ein Engländer, der in den Neunzigern angeblich jedes Jahr mindestens zwei Mal zur Party reiste, drei zartgliedrigen Australierinnen die nächtliche Atmosphäre: „25 DJs legen am endlos langen, schneeweißen Strand gleichzeitig auf. Die Köpfe von 10000 tanzende Menschen werden zu einem Weizenfeld, gepflanzt auf feinstem Sand, das der Wind zärtlich kämmt. Bestrahlt vom Vollmond, der wie ein gigantischer Flutlichtscheinwerfer über den Wellen schwebt. 25 verschiedene Sounds starten von hier ihre Reise aufs offene Meer, tragen die Nachricht hinaus in die Welt: tanzen, Frieden. Denn böse Menschen haben keine Lieder.“ Der Song Original von Leftfielt, gespielt auf der 1999er-März-Party sei ihm immer in Erinnerung geblieben: Eine bassige Woge wälzender Musik, die Wellenkämme glättet, Seelenwunden heilt und notfalls Tsunamis zurückwirft – nichts sei in seiner Erinnerung mächtiger, als jener Song damals in jener Nacht. In der Wiege der Freiheit. In den Armen jener Frau…

Das Schiff legt an, spuckt die Buntbemalten auf den Betonsteg des Minihafens, ein dickes Banner versperrt den Eingang zum Ort: Seit Neuestem muss jeder Teilnehmer, der mit dem Boot anreist, 100 Baht (rund zwei Euro) Gebühr zahlen. Damit werden angeblich verbesserte Sicherheitsleistungen finanziert…

18 Uhr. Die Sonne bestreicht die kleinen Gassen mit Honiglicht. An jeder Ecke türmen Einheimische so genannte Buckets auf: zwei Hände voll Eis, eine Dose Coke, ein Viertelliter Thai-Whiskey und ein Red Bull – vier Euro. Unter jeder dieser hundert Alkohol-Tankstellen hängt das Namensschild der Verkäuferin. Die sagt sofort: „He, wenn du heute abend nur bei mir kaufst, geb‘ ich dir Rabatt.“ Die feilgebotenen Alkoholmengen sind gewaltig, Hans kann es kaum fassen. Ein Typ aus Kanada, der seit zwölf Jahren in Bangkok lebt, erklärt: Bis Februar 2003 war alles relativ friedlich. Viele Gäste kifften. Oder nahmen LSD, Acid oder Speed. Durchhaltedrogen, mit denen man die Nacht durchtanzt oder einfach nur gut drauf ist. Dann rief Ex-Premierminister Thaksin den Krieg gegen Drogen aus. Von einem Tag auf den anderen war die Polizei judikativ wie exekutiv tätig und tötete in Nordthailand innerhalb von nur zwei Jahren rund 6000 Menschen. Verhaften, erschießen, einbuddeln. Kein Kreuz, keine Gerichtsverhandlung. Einfach so. Bumm! Die Anzahl der Toten wurde nie bestritten. Allerdings versuchte die Regierung, sie als Opfer rivalisierender Drogengangs zu verkaufen. Seither kursiert die Angst. Weiche, chemische Drogen sind vom Markt verschwunden. Alkohol ist angesagt, obendrein günstig, aber das eigentliche Problem. Schon mal erlebt, dass sich zwei Bekiffte prügeln? Geht auch nicht. Kiffen macht nicht aggressiv, sondern antriebslos. Und es sensibilisiert die Wahrnehmung. Musik wird zur wabernden Eintrittskarte ins Paradies. Viele Thais, Ex-Kiffer sozusagen, werfen jetzt Jaba ein. Ein billiges Zeug, das dich zehn Meter groß macht, schusssicher und unbesiegbar. Wenn du dann auch noch besoffen bist… Nein, seit die Dinge verschwunden sind, die dir ein Lächeln ins Gesicht meißeln, dich schweben lassen und zum Tanzen beflügeln, seit dem Krieg gegen die Drogen, regiert oft pure Gewalt. Morde, Messerstechereien und Schlägereien sind an der Nachtordnung. Und die Nacht ist lang.

22 Uhr. Party-Animal Hans staunt. Nicht mal ein Drittel des Strandes ist gefüllt. Acht Musikquellen zählt er. Und wenn es hochkommt, maximal 2000 Menschen. Zwischen den Partypeople gastieren Feuertänzer, jonglieren mit ihren brennenden Stangen, schleudern Ketten, an deren Ende Feuerkugeln baumeln, kunstvoll durch die Dunkelheit. Akrobatik. Gauklerfeeling. Strandjahrmarkt.

Mitternacht. Hans hat seine Tochter endlich getroffen, sitzt mit ihr am Strand, sie trinken Bier, plaudern, lachen. Hinter ihnen verweben die Djs ihre Beats zu einem Klangteppich, der über dem Sand wogt. Doch das Repertoire ist längst nicht so vielfältig wie in der Schilderungen der Party-Profis. Lediglich eine Bar hat sich für Trance entschieden, eine andere pumpt Techno hinaus, der klägliche Rest bedröhnt die Masse mit abgehalfterten Chartbreakern der Neuzeit. Die Szenerie ist teils grotesk: Menschen irren umher, halten sich verloren an Bierflaschen fest, liegen dösend oder besoffen im Sand, stehen pinkelnd in den Fluten, schieben eine kleine Digitalkamera am durch die Nacht oder beklatschen die Feuertänzer.

Zwei Uhr. Eine Handvoll Männer schwenken ein langes, brennendes Seil, über das ein Haufen Betrunkener springt. Oder es zumindest versucht. Der Geruch von versenkter Haut und verbrannten Haaren wabert über den Strand von Hat Rin. Daneben wird Feuerlimbo getanzt. Bierflaschen klirren, Stühle und Tische bersten. Betrunkene schreien Lieder, Verletzte nach dem Sanitäter. Der Strand ist gefährlich. Übersät mit Glasscherben, scharf wie Klingen. Das Sanitätszelt hält kilometerlange Mullbinden bereit. Drei Viertel der Besucher sind weiß, Norweger, Schweden, Deutsche, neuerdings auch viele Russen. Doch schätzungsweise 60 Prozent der Partypeople sind heute Engländer. Raufereien sind förmlich Pflichtprogramm. Parallelwelten auf 30 Metern: Links vom DJ kopuliert ein Pärchen im vermeintlichen Schatten des Boxenturms, rechts fetzt ein Langhaariger einem Glatzkopf die Vorderzähne raus. Schicksale, die im Lärm der Nacht untergehen.

Vier Uhr morgens. Muskelberge wanken, tiefbesoffene Jungs und Mädels taumeln und kreischen auf wankenden Tischen, Meerwasser umspült Alkoholleichen. Der Sandstrand hat zentnerweise leere Flaschen und unzählige Sandalen eingefangen. 400 Meter Luftlinie vom Auge der Party entfernt spielen sich makabere Szenen ab, denn der wilde, besoffene Mob will heim und steht am Pier. Doch es sind zu viele Menschen für zu wenige Boote. Gedränge. Schubserei. Schlägerei. Nach jedem Speedboot, das das Pier verlässt, sind wieder 40 Minuten warten angesagt. Jeder wedelt mit seinem farbigen Ticket, das ihn wieder heim nach Samui bringen soll. Ins Bett. Ins Trockene. Behütete. Friedliche. Flucht aus dem Lärm. Weg von der Aggression. Den Wunsch macht sich die Bootsmafia zunutze, ignoriert die Return-Option der Tickets, fordert nochmals dieselbe Summe für den Oneway. Und hat Erfolg. Völlig fertig, ist es den meisten Wartenden egal. 600 Baht – 12 Euro, was ist das schon? Zwei kleine Bier in Dublin, drei bunte Ilustrierte, ein Strandhuren-Quickie…

6.15 Uhr. Das Meer wirft die Zeugen der Party zurück. Kondome, Bierflaschen, Zigarettenstummel, Geldbörsen, BHs, Slips, Sandalen, Schnapsleichen… Der Horizont beginnt zu glühen, überstrahlt eine Sandebene, die Blut, Schweiß und Tränen getränkt haben. It’s a new day! Welcome him!

Fullmoon-Party-Profis der Neuzeit sprechen vom Schichtwechsel. Die Randalierer und Besoffenen haben sich getrollt, das Schlachtfeld verlassen. Bunte, frische, schrill bemalte Party-People klettern aus ihren Verstecken. „Forget about the nightshift“, brüllt ein wild bemalter Schwarzer mit blauer Perücke. „Now the real party beginns…“ Und tatsächlich, zwischen einem Haufen wieselflinker Aufräumer ranken sich die Tanzenden, lassen ihre Körper im Fluss der Musik beben. Sie zucken, wogen, kreisen, nicken. Trance, Goa, Rave – jetzt verschmilzt der Herzschlag mit dem Rhythmus der Beats, wird schneller, ebbt ab und pumpt extatisch. Hans und Sophie wiegen ihre Körper inmitten von rund 800 Hartgesottenen, der sogenannten Dayshift, während die Sonne wie ein aufgeschlagenes Ei am Himmel hängt und die Überlebenden begrüßt. Schweiß tropft. Mineralwasser stürzt die Kehlen hinunter. Niemand brüllt. Niemand ist noch da, der dir von der Seite zuflüstert: „He, man, wanna buy some dope or LSD? Or Jaba?“ Es gibt nur noch das Beben von Musik und Körpern.

Die Fullmoon-Party ist tot. Zumindest, was die Nacht betrifft. Es lebe die After-Fullmoon-Party im Backyard. Um 16 Uhr, nach zehnstündigem Tanz, ist Hans schweißüberströmt, sonnenverbrannt und drei Kilo leichter. Er schaut auf seine Tochter, die sich von den pumpenden Beats der DJs begatten lässt, und spricht das aus, was alle hier denken: „Wer die Party in ihrer Urform erleben will, darf vor vier Uhr morgens eigentlich gar nicht hier sein.“ Seine Stimme klingt erschöpft. Aber unendlich glücklich.

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