Rolf, Dein Roman „Millionär in sechs Wochen“ kommt ein wenig unverhofft, eigentlich war doch schon lange ein ganz anderes Buch angekündigt…

Nun ja, unverhofft stimmt nicht ganz. Das Werk entstand in den Jahren 2002 bis 2007. Ich hatte das Manuskript von Millionär damals ein paar Verlagen angeboten und 2012 auch noch, doch niemand wollte es nehmen. Der bereits seit langem angekündigte Vater-Sohn-WG-Roman ist zwar seit April 2015 theoretisch fertig, doch letztlich habe ich mich entschlossen, ihn nochmals umzuschreiben. Mir gefallen ein paar Passagen nicht. Er wird erst 2016 druckreif sein.

 

Und deshalb bringst du „Millionär“ quasi als Ersatz?

So könnte man es sehen, ja. „Millionär in sechs Wochen“ war ein Projekt, an dem ich mich ausprobiert habe. Als Reporter und Autor ist man es gewohnt, Dinge auf den Punkt zu bringen. Selten schreibt man Reportagen, die über 14.000 Anschläge hinausgehen. Ich wollte damals einfach ausprobieren, ob es mir gelingt, ein Buch zu schreiben. Und einen Spannungsbogen sowie eine Handlung weit über 250 Seiten hinaus aufzubauen. Das Buch habe ich zu dieser Zeit sozusagen als Übung geschrieben.

 

Und jetzt kommt die „Übung“ zehn Jahre später auf den Markt…

So einfach war das nicht. „Millionär“ brauchte eine Reifezeit. Er war damals schon seiner Zeit voraus und ist – sagen wir ruhig mal – ein reines Männer-Buch. Mit so etwas brauchst du gar nicht erst bei Verlagen aufkreuzen, denn die sagen dir, dass 85 Prozent aller Buchkäufer weiblich sind. Damit verringern sich die Verkaufschancen enorm. „Millionär“ ist praktisch das Pendent zum Vater-Sohn-Roman, der – so haben es die Testleser- und leserinnen zumindest einstimmig bestätigt – ein Frauenroman ist, den auch Männer lesen können.

 

Wie muss man unter „Reifezeit“ und „Männerbuch“ verstehen?

Die drei Protagonisten in „Millionär“ waren vor zehn Jahren nicht besonders gut ausgearbeitet. Das ist nun anders. Ich habe den drei Jungs im Sommer eine charmantere Identität gegeben und die wirklich hässlichen Szenen gestrichen. Das gibt dem Buch einen ganz anderen Spirit, es ist immer noch dynamisch und energiegeladen, aber viel freundlicher. Ich gab das Manuskript ein paar Freunden zum Lesen und die sagten, es sei das Beste, was ich überhaupt je geschrieben hätte. Das gab mir das Selbstvertrauen zur Veröffentlichung. Überhaupt unterscheidet sich „Millionär“ von meinen anderen Büchern durch seine Erzählform. Habe ich bislang stets in der Vergangenheit aus der Ich-Perspektive geschrieben, so spielt die „Millionär“-Story in der Gegenwart und wird aus dem Off heraus erzählt. Meiner Meinung nach ist es deshalb ein Männerbuch, weil die Protagonisten sehr oft betrunken sind, Drogen nehmen, durch die perfidesten Bars stolpern und mit der Unterwelt in Kontakt kommen. Das Martyrium zieht sich über 270 Seiten, die Drei sind so gut wie nie nüchtern. Darüber hinaus gibt es kein Liebesgeplänkel in dem Buch. Es ist hart wie die Wirklichkeit und, wie der Titel schon sagt, eine Gauner-Posse, die man augenzwinkernd genießen sollte.

 

Drogen, Unterwelt? Was genau passiert in diesem Buch?

Wer mein Buch „Fuel for the Soul“ gelesen hat, wird sich an meine Freunde, die drei tragischen Helden Pinne, Tüte und Schröder erinnern. Sie sind die Hauptprotagonisten des neuen Romans, der im Sommer 1990 spielt. Die Burschen sind älter geworden aber immer noch abenteuerhungrig und unbedarft. Aber, ganz wichtig: In diesem Buch erleben sie keine Abenteuer auf Motorrädern. Sie sind vielmehr automobil unterwegs – zuerst in einem Strich-Acht-Mercedes, dann einem alten Hunderter Audi, aber auch ein 34-PS-Käfer sowie ein 1969er-VW T2 spielen eine Rolle. Das Ganze beginnt mit einem Besäufnis in ihrer Lieblings-Bar: Tüte hat – wie so oft – eine verrückte Idee: diesmal wie man ohne zu arbeiten Millionär wird. Was folgt ist eine furiose Road-Story, die die drei zuerst nach Bremen, einen von ihnen nach Berlin und dann alle drei zusammen nach Stuttgart und letztlich bis zum Bodensee führt. Dabei stolpern sie von einem Fettnapf in den nächsten, legen sich mit Besitzer eines Hochsicherheits-Bordells an, bekommen einen Wagen angedreht, der eigentlich verschwinden sollte, und haben ungewollt Kontakt mit der Russen-Mafia… Schlussendlich sind alle hinter ihnen her. Und dabei dreht sich alles nur um eine Anzeige, die sie bundesweit aufgeben und sie voraussichtlich zu Millionären macht.

 

Wie lange hast du daran gearbeitet?

Schwer zu sagen. Erste Ideen für „Millionär“ gab es bereits im Jahr 1999. Zwei Jahre später habe ich dann mit dem Schreiben begonnen. Bis die endgültige Fassung stand, sind vier, fünf Jahre vergangen, in denen ich immer mal wieder drei, vier Tage am Stück daran gearbeitet habe, meist in meinen Urlauben. Das Buch quillt über von halbseidenen Charakteren, die es zu entwickeln galt, und strotzt vor Übertreibungen. Die Endversion von 2007 habe ich im Sommer 2015 überarbeitet. „Millionär in sechs Wochen“ zu schreiben, war ein langer, beschwerlicher Prozess.

 

Klingt ziemlich verrückt. Wie kommt man auf solche eine Ideen?

Ich habe die Filme „Bube, Dame, König, Grass“ sowie „Snatch – Schweine und Diamanten“ (Regie: Guy Ritchie) sowie „Bang Boom Bang“ (Regie: Peter Thorwarth) dutzendfach gesehen und den Roman „Wassermusik“ von T. C. Boyle ebenso oft gelesen. Ich liebe die Skurrilität dieser Werke. Ursprünglich sollte „Millionär“ als Drehbuch für einen deutschen, abgedrehten Krimi im Ritchie-Style herhalten. Doch auch diese Bestrebung ist im Sande verlaufen, da ich leider keine Kontakte zur Filmbrache habe, und mein Werk deshalb nicht an die richtigen Adresse weiterleiten konnte. Na ja (lacht), vielleicht passiert das ja jetzt nach der Veröffentlichung… Wie auch immer: Der Roman ist überfrachtet mit Nebenkriegsschauplätzen. Sobald eine Figur die Bühne betritt, bekommt der Leser die Story dahinter serviert, ehe sie in die Handlung eingreift. Dieses Stilelement zieht sich durch den gesamten Roman, in dem es letztlich nur so von Chaoten und Unikaten wimmelt. Das Ganze ist so ineinander verstrickt, dass man den Prolog des Buches erst nach dem Lesen des Buches versteht und dann besser nochmal liest. „Millionär in sechs Wochen“ ist eine Hommage an Gauner-Komödien und überzeichnet seine Handlungen oft unverhältnismäßig wie es Boyle auch in „Wassermusik“ tut. Mit „Millionär“ habe ich einen Roman geschrieben, der mich selbst heute, nach dem X-ten überarbeiten und lesen, immer noch königlich amüsiert, weil er 100prozentig meinen Humor trifft. Diesen muss und wird nicht jeder mögen. Aber der, der meinen Humor teilt, wird Krämpfe vor Lachen haben.

 

Eine letzte Frage noch: Was soll die tote Küchenschabe auf dem Titel?

Ich habe lange überlegt, was man diesem Titel als Gag mit auf den Weg geben sollte. Es gibt eine Passage im Buch, da spielen Küchenschaben eine große Rolle, aber mehr möchte ich nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Die Schalentiere treten in einer Umgebung auf, wie es sie höchstwahrscheinlich noch nie in einer Erzählung gab…